Liebe Leserinnen und Leser,

Am Beispiel der Bildung zeigt sich, was beeinträchtigte Menschen wohl tagtäglich erleben: Was für uns als Gesellschaft selbstverständlich ist, ist es für sie oft nicht. Für mich war nach der obligatorischen Schulzeit klar, dass ich eine Ausbildung suche, die meinen Interessen und Fähigkeiten entspricht, und ich fündig werde. Ich habe mir nie überlegt, dass diese Suche nicht für alle so einfach ist. Dass diese vermeintliche Selbstverständlichkeit für Menschen mit einer Beeinträchtigung immens eingeschränkt ist. Und überhaupt nicht klar ist, ob sie eine Ausbildung finden, die ihren Interessen und Fähigkeiten entspricht.

Mit dem Ja zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) haben wir Schweizer auch Ja gesagt, «Hindernisse zu beheben, mit denen Menschen mit Behinderungen konfrontiert sind, sie gegen Diskriminierungen zu schützen und ihre Inklusion und ihre Gleichstellung in der Gesellschaft zu fördern», wie das Departement des Inneren auf seiner Website schreibt. Als Folge ist es selbstverständlich – um beim konkreten Bildungs-Beispiel zu bleiben –, ein Bildungsangebot für Menschen jeglicher kognitiver Fähigkeiten bereitzustellen. Mit der PrA-Lehre hat der Branchen-Verband INSOS diese Bildungslücke glücklicherweise wieder geschlossen. Dass dieser Verband aber noch immer federführend ist und die PrA-Lehre nicht wie die EFZ- und EBA-Lehre im Berufsbildungsgesetz verankert ist, finde ich unverständlich.


Es zeigt, dass die PrA-Lehre im Schweizer Bildungssystem längst nicht den gleichen Stellenwert hat. Tragisch ist dabei vor allem, dass die Invalidenversicherung die Finanzierung sprechen muss. Es liegt in der Sache der Natur, dass der Fokus einer Versicherung nicht bei der Bildung liegt. Es kann und darf nicht sein, dass eine Ausbildung für beeinträchtigte Menschen nur dann zugänglich ist, wenn sie die Chancen auf eine berufliche Eingliederung erhöht. Denn Bildung ist mehr als Mittel zum Zweck. Sie spielt bei der Entwicklung einer Person eine zentrale Rolle und entscheidet, wie selbstständig und selbstbewusst ein Mensch leben kann.